Samstag, 6. März 2010

Großes Tafelzelt Kyowsky

Der sächsische Kurfürst Johann Georg III. kämpfte 1683 beim Entsatz von Wien erfolgreich auf Seiten der kaiserlichen Truppen und brachte als Kriegsbeute 2 Zelte mit nach Dresden. Leider ist davon in der Türckischen Cammer nicht allzu viel zu sehen. Eines davon befindet sich heute in Stockholm, vom anderen ist nur eine Seitenwand erhalten geblieben.
Sein Sohn, Kurfürst Friedrich August I. von Sachsen kämpfte zwei Jahre als Oberkommandierender der kaiserlichen Truppen in Ungarn. Auch er war wie die Herrscher anderer Fürstenhäuser vom Glanz des Orients fasziniert. Feste wurden am sächsischen Hofe in der Mode „á la turca“ gefeiert, so 1719 vier Wochen lang die Hochzeit seines Sohnes Friedrich August mit der damaligen Kaisertochter Maria Josefa aus Wien.
Politisches, militärisches und höfisches Großereignis während seiner Regierungszeit war das Zeithainer Lager 1730, welches er ganz nach orientalischer Art arrangieren ließ und er sich selbst in der Art des Sultans für dieses Fest kleidete.
Für diese militärische Truppenschau wurden auf einer riesigen Fläche unweit von Riesa über eintausend Zelte aufgebaut, davon etwa 20 Staatszelte. Gezielt wurden in der Türkei Dinge zur Ausgestaltung angekauft und aus ganz Polen wurden osmanische Objekte heran gebracht, so auch das große Tafelzelt mit dem Namen Kyowskyzelt.
Die Herkunft des Namens ist nicht überliefert. Während der Truppenschau hat man in diesem Zelt getafelt und hochkarätige Gäste empfangen. Nach dem Zeithainer Lager geriet dies Zelt in Vergessenheit und wurde erst wieder 1927 im Lichthof des Johanneum ausgestellt. Während des 2. Weltkrieges wurde dieses Zelt mit weiteren Zelten auf der Festung Königstein in der Sächsischen Schweiz ausgelagert. Nur einige Teile des 160 m² großen Zeltes sind erhalten geblieben und kamen ins Depot der staatlichen Kunstsammlungen. Der Zustand war bedauernswert; Schimmelflecken hatten sich breit gemacht und der Stoff war teilweise zerrissen.
1994 wurde in der Paramentenwerkstatt der Veltheim Stiftung im Kloster Sankt Marienberg in Helmstedt/ Hessen mit der aufwendigen Restaurierung des Zeltes begonnen. 34 Mitarbeiterinnen waren 15 Jahre damit beschäftigt, das Zelt in 13 einzelne Teile zu zerlegen, zu reinigen und fehlerhafte Stellen auszubessern. An die 140.000 Arbeitsstunden hat dies gedauert, ein einzelner Mensch hätte dafür an die 67 Arbeitsjahre benötigt. Die Kosten der Restaurierung betragen 3,6 Millionen €. Da heute nur noch das Dach und eine Seitenwand sowie 2 Stirnteile und ein Teil des Vorhofzeltes erhalten sind, mussten die Restauratoren zusätzlich einen Konstruktionsring zur Entlastung des Daches anbringen.
Bereits seit 2009 befindet sich das Zelt im Dresdner Schloss und wird ab dem 7. März 2010 nach 71 Jahren wieder zu sehen sein. Das Zelt ist 20 Meter lang, 8 Meter breit und 6 Meter hoch. Es besteht aus 2 beweglichen separaten Wänden, wobei die Innenwand um 2-3 % größer ist. Außen ist das Zelt aus grüner Leinenbaumwolle einfach gehalten. 3 Masten halten das Zelt, was ursprünglich mit 26 Seilen gespannt wurde. Das Innenzelt besteht aus roter Seide mit flächendeckenden Applikationen aus Atlas, Baumwollgewebe und vergoldetem Leder, übersät mit Halbmonden und Sternen, Arabesken und floralen Fischblasen-, Wellen- und Mäanderornamenten. Die Qualität des Zeltes ist im europäischen Kulturraum etwas ganz Besonderes und sicher auch das Highlight des Museumsbesuches.
Das Museum Türckische Cammer ist täglich außer Dienstag von 10 bis 18 Uhr geöffnet und befindet sich im 2. Obergeschoss des Dresdner Residenzschlosses. Während der Öffnungszeiten finden Führungen durch das Museum statt.

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